Subkultur goes public
// Mai 12th, 2010 // Allgemein
Die Eisbachsurfer – schon ein Artikel in meinem Blog befasste sich mit diesem Thema. Von einem aufmerksamen Leser erhielt ich just in time den Hinweis auf einen Preview des Filmes “Keep Surfing” in einem Kino im Herzen Schwabings. Glücklicherweise gelang es mir den Termin “auf den letzten Drücker” zwischen ein paar Vorbestellungen einzubauen und eines der letzten Tickets zu ergattern. Oberbürgermeister Ude war anwesend, und ihm wurde nach dem Film ein T-Shirt mit dem Aufdruck “Retter der Eisbachwelle” verliehen.
Doch der Reihe nach, und zurück zum Film:
“Keep Surfing” ist das Kino-Erstlingswerk von Björn Richie Lob (oben links im Bild), der schon seit einiger Zeit im Filmbetrieb unterwegs ist und bereits ein paar Kurzfilme zum Thema Surfen gedreht hat. Der Film folgt 6 Eisbachsurfern über mehrere Jahre hinweg und eröffnet dem Gros der Zuschauer über Interviews, teils aber auch durch sehr spektakuläre Aufnahmen zum Beispiel vom Surfen in der Isar bei extremem Hochwasser aber auch vom Flußsurfen im Ausland, Ausblicke auf eine Szene die den meisten Zuschauern so bislang vollkommen unbekannt gewesen sein wird.
Meine Hauptkritik am Film, wenn ich überhaupt eine erwähnen will, ist daß er an zwei Stellen seine Längen hat. Das nervt etwas und es kam eine Atmosphäre der Verlegenheit im Kino auf weil man sich langweilte. Doch das waren über den gesamten Film betrachtet die kürzesten Momente. Ich behaupte mal: Wer München in all seinen auch etwas bizarreren, wunderbaren Facetten kennenlernen will der kommt an “Keep Surfing” nicht vorbei. Ein Dokumentarfilm wie er sein soll: Man lernt Neues und taucht in eine Welt ein die einem vorher unbekannt war, die sich einem aber Schritt für Schritt erschließt.
Wie schon in meinem weiter unten eingestellten Artikel zu den Eisbachsurfern geschrieben war die Eisbachwelle ja vor kurzem noch in großer Gefahr: Sie drohte aus “sicherheitstechnischen Erwägungen” vernichtet zu werden. Heute ist das weitgehend vom Tisch: Durch einen Deal zwischen dem Freistaat Bayern einerseits und der Landeshauptstadt München andererseits geht die Welle, die bislang als Teil des Englischen Gartens dem Freistaat gehörte, in das Eigentum der Landeshauptstadt über. Und die will das Surfen zukünftig nicht mehr verbieten.
Bei aller Euphorie: Wenn die Surfer nicht “einigermaßen vernünftig” mit den Restrisiken an der Welle umgehen (meiner Meinung nach sollte man z.B. niemals alleine surfen) dann kann es auch in Zukunft mit der Welle nochmal eng werden. Überwiegt jedoch die Vernunft dann wird das Eisbachsurfen als eine ganz normale Sportart, die eben auch Risiken mit sich bringt, über viele Jahre hinweg möglich bleiben. Wer zum Beispiel senkrechte Felswände hochklettert (auch ein legitimer Sport) der wird sich auch nicht darüber beschweren daß das gefährlicher ist als zu Hause vor dem Fernseher zu sitzen!
Daß es gelang die Welle zu “retten” ist einer gelungenen Symphonie aus dem Engagement von Bürgern (17.000 Unterzeichner setzten sich mit einer Petition für den Erhalt ein) und der Kooperation der Politik (sogar die traditionell eher restriktiv tätige CSU entdeckte ihre Liebe zur anarchischen Freizeitgestaltung) zu verdanken. Ich schätze dieser Schub aus ganz unerwarteter Richtung trug mit dazu bei daß sich im Film “Keep Surfing” heute Surfer in der Öffentlichkeit zeigen. Bislang war die Surferszene, sicher auch aus Furcht vor Bestrafung wegen des “verbotenen” Surfens, eher kamerascheu gewesen.
Ich habe aus Anlaß des Filmpreviews (Kinostart ist der 20. Mai 2010) ein paar Bilder zum Eisbach aus meinem Archiv hervorgekramt. Entstanden sind sie vor ein paar Jahren. Jedes Jahr einmal wird der Eisbach, der ein Seitenarm der Isar ist, an seinem Zufluß in der Nähe der Sankt Lukas Kirche im Lehel ein paar Tage lang komplett “abgestellt”. Uferbefestigungen werden repariert und die unterirdischen Stollen der Stadtbäche werden zwischen Ursprungsort Isar und dem Ende der Tunnel an der bekannten Eisbachwelle ausgebessert.
Mir gelang es während dieses Inspektionszeitraumes mit Wathose und Taschenlampe bewaffnet die gesamten Strecken der unterirdischen Stollen abzulaufen. Ich habe dabei ein paar Aufnahmen gefertigt von denen ich einige hier exemplarisch einstelle.
Die Münchner Stadtbäche sind ein eigenes Thema – es wurden schon ganze Bücher darüber verfasst. Früher dienten die Stadtbäche, derer es sehr viele gab, der Entsorgung von Fäkalien, der “Frisch”-Wasserzufuhr der Brauereien, der Wasserkraftversorgung unzähliger Mühlen sowie später industrieller Betriebe wie Sägemühlen. Auch wurden manche Stadtbäche in einen Wassergraben, der einst die Stadt umgab, geleitet und waren so Teil der Stadtbefestigung gegen kriegerische Angreifer.
Viele Stadtbäche existieren heute nicht mehr, andere wurden im Laufe der Jahrhunderte in unterirdische Kanäle verbannt. Ich entdeckte einmal einen großen aber heute trockenen Stadtbachtunnel als an der Münchner Staatskanzlei gebaut wurde. Der Kanal wurde später wieder versiegelt und wartet heute unter der Erde auf zukünftige Wiederentdecker.
Auch der Eisbach wird aus ehemaligen Stadtbächen gespeist. Sie entspringen ungefähr zwei Kilometer südwestlich des englischen Gartens, gabeln sich dann und münden dann – wiedervereint – an der Eisbachwelle in den bekannten Eisbach.
Unter dem Viertel Lehel, den die Bäche größtenteils in völliger Dunkelheit durchqueren, verweisen jedoch noch einige an den Seitenwänden angebrachte Edelstahlschilder, die der Standortbestimmung dienen, auf die ehemalige Natur dieser Bäche: Da ist von “Stadtsägmühlbach”, “Fabrikbach” usw. die Rede…Namen die der Stadtbevölkerung heute weitestgehend unbekannt sind – nur der Name “Eisbach” ist noch im Bewusstsein, wie auch der Eisbach einzig noch größtenteils offen und für jedermann sichtbar durch München fliesst.
Woher der Name Eisbach herrührt darüber kann ich derzeit nur spekulieren. Als kleines Kind dachte ich immer der Eisbach käme direkt von den Alpen und bestünde aus dem Schmelzwasser der vereisten Alpen, daher der Name.
Heute halte ich es für wahrscheinlicher daß man den Eisbach nutzte um über die mechanische Kraft des Wassers künstliches Eis (wichtig in der Bierlagerung) herzustellen, ein Verfahren das zum Beispiel auch in der Inselmühle in Obermenzing angewandt wurde. Ich habe als kleines Kind noch diese alten Anlagen besichtigen können, dann wurden sie alle während des Baus des heute dort ansässigen “Romantikhotels” vernichtet.
An einer Stelle sieht man in den unteriridischen Tunnels die zum Eisbach führen sogar noch wo dereinst die Mühlräder plaziert gewesen sein müssen: Der Schacht verengt sich hier sehr stark, was zu einer höheren Fließgeschwindigkeit und so zu mehr verwertbarer Energie geführt haben wird.
In der Wand findet sich sogar noch ein uraltes Fenster, das früher einmal zu dem längst vergessenen Betrieb gehört haben mag der hier die Kraft des Wassers nutzte.
Den gesamten Tunnel abzuschreiten ist ein ziemlich langwieriges Verfahren und einigermaßen gruselig wenn man alleine unterwegs ist. Es mangelt nicht an Spinnen, und das Tropfen von Wasser, vielfach von den Wänden reflektiert, sorgt für eine eigenwillige Geräuschkulisse die einem aus dem schwarzen Loch vor einem entgegenhallt. Man sollte sich auch vergewissern daß eine Flutung nicht unmittelbar bevorsteht, hätte man doch sonst eher geringe Überlebenschancen: Ist der Tunnel geflutet reicht das Wasser an manchen Stellen praktisch bis zur Deckenverschaltung, wie Sinterspuren an den Wänden erkennen lassen.
Am Ende des Tunnels gelangt man dann zu einem unterirdischen Kontroll- und Wehrraum der mehreren Zwecken dient: Zum einen läßt sich von hier aus mittels großer hydraulischer Anlagen die Wasserzuflußmenge aus der Isar in den Eisbach regulieren bzw. komplett abschalten. Zum Anderen sind diesem Wehr Rechen vorgeschaltet die Äste und anderes Treibgut aus dem Wasser fischen bevor es in die Kanäle gelangen und dort zu Stauungen führen kann.
Zu diesem Raum weiß ich eine interessante Geschichte zu berichten: Eines Tages fiel einmal eine Frau in die Isar und wurde von der Zuflußöffnung die zum Eisbach führt eingesaugt – sie verschwand ohne daß es irgendjemand bemerkt hatte und ohne daß sie auch nur den Hauch einer Chance gehabt hätte gegen die starke Strömung anzukommen im Dunkel des Tunnels.
Einige Tage später wollte ein Mitarbeiter der Stadtwerke einmal wieder den Kontrollraum überprüfen und sperrte in seinem “Alltags-Trott” die Falltür auf die von der Straße nach unten führt als ihm plötzlich aus der Dunkelheit die Frau entgegenkam, die ihren Ritt bis zum Rechen des Kontrollraums überlebt hatte, von dort aus dem Wasser gekrochen war und dann tagelang im unterirdischen Raum gefangen ausgeharrt hatte.
Der arme Kerl von den Stadtwerken wird den Schock seines Lebens bekommen haben als ihm aus der Tiefe plötzlich die bleiche “lebendige Wasserleiche” entgegenkam!











Toller Film – ganz besonders für “Exil”-Müchner..!