Lautes Schweigen

// Oktober 24th, 2010 // Allgemein

Warum soll ich auf meinen Sightseeingtouren Menschen zur Konzentrationslager-Gedenkstätte Dachau führen und ihnen die Verbrechen der Nazizeit schildern, vielleicht mahnen, damit “so etwas” sich nicht wiederholt, während es teilweise gerade heute vor aller Augen stattfindet und nahezu das gesamte “Christliche Abendland” dazu schweigt?

Soeben wurden Dokumente veröffentlicht, die belegen daß Vertreter der U.S.-Regierung bzw. des U.S.-Militärs direkt und indirekt in schwere Kriegsverbrechen verwickelt sind. Daß uns das Pentagon jahrelang angelogen hat: “Sie würden keine Daten über tote Zivilisten im Irak sammeln”, sagten sie uns. Jetzt zeihen ihre eigenen Dokumente sie der Lüge. Da steht es schwarz auf weiß: Jahrelang sorgfältig aufgelistet lesen wir von 66.081 toten Zivilisten bei 109.000 Opfern – zudem für einen “modernen” Krieg ein Missverhältnis, das so krass ist daß es für sich genommen schon sprachlos macht.

Vom Militär vertuschte Morde – Ärzte dürfen die Leichname der ermordeten Häftlinge nicht untersuchen. Bewußt angeordnete Erschießungen von Kämpfern, nachdem diese sich bereits ergeben hatten. Folter auch nach Schließung von Abu Ghraib, sowohl auf Seiten der U.S.-Truppen als auch bei den irakischen Verbündeten, denen man das in zahllosen Fällen achselzuckend durchgehen ließ, ja gar Häftlingen mit Auslieferung an notorisch folternde irakische Einheiten drohte, oder dies kurzerhand einfach tat.

Vom Weißen Haus, von der Obama-Regierung, in die ich so große Hoffnungen gesetzt hatte dazu nur Schweigen, und anstelle einer klaren und unißverständlichen Positionierung, wie sie jetzt so wichtig wäre, schwere Anschuldigungen und suggestive, auf Angst abzielende Einschüchterungsversuche der Quelle die der Öffentlichkeit diese Geheimdokumente zugänglich machte (sowie aller, die es ihr nachzutun erwägen mögen).

Unsere Regierungen sollten sich hüten! Denn wenn wir zulassen daß unsere eigenen Standards derart verrotten, werden wir nicht mehr glaubhaft machen können warum es sich lohnen soll etwa für Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Menschenrechte, ja eine gerechte Welt Opfer zu bringen, und etwa “Deutschland am Hindukusch zu verteidigen”. Wozu am Hindukusch kämpfen, wenn wir selbst nicht mehr im Stande sind zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden?

Nachtrag vom 26.10.2010

Während mir, was mich aufgrund der Hetze u.A. seitens CNN nicht weiter verwundert, vor wenigen Stunden der erste Mordaufruf eines “patriotischen Amerikaners” gegen den Gründer von Wikileaks auffiel, lief soeben, wenngleich zu später Stunde, im Fernsehen auf dem ZDF-Infokanal die hervorragend gemachte Sendung “Geheimakte Irak”.

Produziert wurde das vom Bureau of investigative Journalism. Wie die das in so kurzer Zeit in so hoher Qualität hinbekommen haben beeindruckt mich – mehr jedoch, daß in unserer Zeit des “embedded journalism” so etwas überhaupt zustande gekommen ist! Hier die Sendung zum kostenlosen Streamen über´s Internet (bitte anklicken).

Wie lange der Link bestehen bleibt, kann ich leider nicht sagen.

2 Responses to “Lautes Schweigen”

  1. Trixx sagt:

    Die Kriegsverbrechen der Amerikaner im Irakkrieg oder in anderen Kriegen sollte man niemals heranziehen, um die Nazidiktatur klein zu reden. Das Eine ist das eine, das Andere das andere.
    Genausowenig wie man den Völkermord während des Jugoslawienkriegs oder an den Tutsis damit relativieren kann …

  2. Christian sagt:

    @ Trixi:
    Hallo Trixi,

    Danke für den Kommentar. Eigentlich sollte ich mich freuen, denn ich stimme vollinhaltlich darin mit Dir überein, daß sowohl die Nazidiktatur, als auch die von ihr verübten Verbrechen nicht kleingeredet werden dürfen.
    Indes scheinst Du mir zu unterstellen, daß gerade ich das tue.
    Damit würdest Du nicht nur etwas auf mich projizieren, das schlichtweg nicht da ist, sondern auch die gesamte Motivation übersehen, die mich überhaupt zum Schreiben meines Artikels bewegt hat:
    Nämlich der Umstand, daß zwar die meisten sich an den Verbrechen der Nazis stören, AKTUELL begangenes Unrecht aber, obendrein auch noch von “uns”, dem christlich zivilisierten Westen begangen, allenthalben auf achselzuckende Passivität trifft. Das finde ich völlig inakzeptabel, und das klage ich an.
    Damit relativiere ich nicht die Verbrechen der Nazis, sondern damit messe ich dem, was heute geschieht die Bedeutung bei, die es verdient.
    Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind qualitativ IDENTISCH, egal von wem sie begangen werden! Vielen scheint das nicht klar zu sein.
    Ich wünsche mir von der Menschheit, daß sie ein absolutes Gespür dafür, was in ihrer Gegenwart passiert entwickelt. Dann werden sämtliche Vergleiche mit Verbreche(r)n der Vergangenheit überflüssig.
    Wiewohl ich der Ansicht bin, daß man mit Nazivergleichen vorsichtig sein soll und sie nicht inflationär, oder im Bezug auf Geschehnisse die ganz anderer Natur sind anwenden sollte, ist es gleichermaßen meine Überzeugung, daß ein Verbot von Vergleichen zur jetzigen Wirklichkeit, beabsichtigt oder unbeabsichtigt alleinig dem Ziel dient, den Verbrechern von heute den Rücken frei zu halten!
    Es gab mehrere im KZ Dachau übliche Misshandlungspraktiken die “ganz zufällig” (höchstwahrscheinlich 1:1 kopiert) auch im Repertoire des amerikanischen Militärs im Irak auftauchen.
    Da wäre zum Beispiel die Folter durch Stehzellen. Im KZ Dachau im sogenannten “Bunker” angewandt.
    Da wäre jene Foltermethode, bei der man speziell trainierte Hunde gegen hilflose und gefesselte Gefangene aufhetzt, und ihnen diese geifernden, zähnefletschenden und wild beißenden Bestien ganz nah vor´s Gesicht hält oder sogar auf sie losläßt. Ein Dachau-Überlebender berichtete später, daß sich dabei unter den Gefolterten regelrechte Pfützen aus Angstschweiß gebildet hätten, und daß er sowas in seinem Leben noch nie zuvor gesehen hatte.
    Von den ganz “banalen” Fällen des Zusammen- bis Totschlagens (heute von Vertretern des U.S.-Militärs gerne mit Baseballschlägern ausgeführt) ganz zu schweigen.
    Was jedoch VIEL SCHLIMMER WIEGT als diese Einzeltaten, die meist von den Behörden gedeckt werden, ist das geistige Weltbild, das hinter sowas zum Vorschein kommt: Eine Staatswirklichkeit, wo der Willkür Tür und Tor geöffnet ist, wo Rechtsstaatlichkeit, Unschuldsvermutung und die Möglichkeit, sich juristisch gegen kriminell gewordene Vertreter des Staates zur Wehr zu setzen keinerlei Rolle mehr spielen.
    Daß hierzu so viele auch in Deutschland schweigen und NICHT alarmiert sind, wie sie es sein sollten ist beklagenswert! Und es zeigt, wie viele Bürger die o.g. Errungenschaften des Rechts als für “automatisch gegeben” halten, oder gar den Wert und die Wichtigkeit dieser Standards gar nicht erst zur Kenntnis nehmen.
    In dem Zusammenhang seien auch der beschämende Erfolg der Fernsehserie “24″ genannt, die den Zuschauer Episode um Episode mit folterbefürwortender Propaganda geradezu bombardiert, oder der Film “Inglorious Basterds”, gleichsam ein Werbeclip für vermeintlich legitime, sadistische Gewalt.
    Computerspiele wie “Call of Duty: Modern Warfare” oder “Call of Duty: Black Ops”, in denen das Töten als Grundvoraussetzung für Frieden dargestellt wird, und in denen militärische Aktionen außerhalb von Recht und Gesetz geradezu glorifiziert werden (daher auch der Titel), schlagen in dieselbe Kerbe.
    Black Ops kam erst diesen Monat auf den Markt. Bereits am ersten Tag seines Erscheinens hat es sich sieben Millionen mal verkauft.

Leave a Reply