Ernte auf, und neben der Landstraße

// November 5th, 2010 // Allgemein

Während ich mit meinem Flughafen-Fahrgast die Route No.1 bei Stau auf der Autobahn über “Fischerhäuser” (Strecke nicht etwa benannt nach den Häusern von irgendwelchen Fischern, sondern nach dem gleichlautenden Ortsteil der Gemeinde Ismaning) rauszischte, fiel uns direkt neben der Landstraße ein riesiges Ungetüm von einer Erntemaschine auf: Äußerlich einer Kartoffelerntemaschine nicht unähnlich, jedoch ohne den Sortiertisch oben drauf, wo Helfer üblicherweise von Hand die mitaufgelesenen Steine aussortieren. Das wollte ich mir auf dem Rückweg also mal genauer ansehen. Stellte sich heraus: Es ist eine Maschine zum Ernten von Zuckerrüben! Zuckerrüben sind keine “typische” Feldfrucht für den Raum München, wie es etwa Raps und Mais sind. Letztes Jahr war ich in Nordbayern unterwegs, da kam ich in eine Gegend wo es massenweise Zuckerrübenanbau gab, wie an den riesigen Mieten der geernteten Rüben sehr gut zu erkennen war.

So ein Zuckerrüben-Erntegerät ist ein hochinteressantes Wunderwerk, und der Bauer versorgte mich wissbegierigen “Stoderer” auf mein Nachfragen hin sehr freundlich mit reichlich Informationen dazu. So war es ihm zufolge ein Bauer, der den ersten Apparat dieser Art konstruierte: Aus einer ehemaligen Straßenbaumaschine! Heute sind die Nachfahren seiner Erfindung freilich geradezu Hightech-Monster: Bei der Ernte wird zunächst bei jeder Rübe individuell angepasst “das Kraut abgeschlagen”, d.h. die Blätter und ein schmales Stück oben an der Rübe wird von einer Art Messer von der Rübe getrennt, und dann seitlich ausgeworfen. Diese Reste dienen auf dem Acker dann als Dünger. Die Rüben werden in der Folge aus der Erde gehoben, vom Erdreich gereinigt und mittels einer Art “Lastenaufzug” in den großen Vorratsbehälter, oder “Bunker” transportiert, der je nach Erntegerät bis über 20 Tonnen Füllung aufnehmen kann.

Natürlich ist das, zusammen mit dem Gewicht der Erntemaschine selbst, eine große Belastung für den Acker. Theoretisch. Denn zum einen verfügt das schwere Gefährt über extrabreite Reifen, zum anderen kann man Vorder- und Hinterachse automatisch versetzen – die zentrale Längsachse des Fahrzeugs knickt hierbei in sich ab, so daß die Räder nicht hintereinander, sondern parallel zueinander über den Ackerboden laufen (nennt sich dann “Schonfahrt”)! Somit halbiert sich praktisch die Druckbelastung auf die Ackerfläche (gut zu sehen im Video). Der Ackerboden war übrigens extrem batzig, sodaß ich mir meine Schuhe schön einsaute. Das Gerät hat jedoch keine Problem damit (wieder mittels ausgefeilter Technik) selbst diesen Batz von den Rüben runterzubekommen – und das ohne daß die Maschine dabei irgendwie verstopfen würde.

Wenn der Bunker im Erntegerät voll ist, wird abgeladen: Entweder auf einen Transportanhänger, der mit einem Traktor gefahren kommt, oder direkt auf die Miete, falls die sich gerade in der Nähe befindet. Nochwas zum Gerät: Vorne ist ein empfindlicher “Fühler”, mittels dessen das ´zig Tonnen schwere Gefährt ganz präzise den Rüben nachfahren kann. Die Kabine ist schön schallgedämmt – bei einem Motor mit über 400 PS eine sinnvolle Maßnahme! So ein Gerät kann schon mal über 300.000 € kosten, weshalb es üblicherweise nicht vom Bauern direkt, sondern von sogenannten “Maschinenringen” angeschafft wird – Zusammenschlüsse von Bauern, die gemeinsam Geräte anschaffen um sie gemeinsam zu nutzen. Als ich schließlich meine Heimfahrt antreten und meine Kamera im Kofferraum verstauen wollte, sah ich daß zwischenzeitlich die Fliegen herausgefunden hatten, daß sich so ein Taxibus prima als Sonnenbank eignet: Gleich ein paar Dutzend davon tummelten sich auf meiner Heckklappe.

4 Responses to “Ernte auf, und neben der Landstraße”

  1. Alex sagt:

    Super Film, Respekt. Jetzt fehlt nur noch eine sympathische Stimme als Voice-over und du kannst als Videoreporter beim BR anheuern.

  2. Christian sagt:

    Danke!
    Das hat mich gleich inspiriert, den Film jetzt doch nochmal zu überarbeiten. Er steht jetzt in der neuen Fassung, und mit Audio-Kommentar, anstelle der nur mit Musik vertonten Version im Blog. Die Arbeit an der Vertonung war insofern für mich eine interessante Lernerfahrung, als mir schnell klar wurde, daß man für sowas nicht einfach so daherreden kann, wie man es im Alltag vielleicht tut: So manches “Füllwort” wirkt im Film dann einfach doof. Ein breites “äh” ist mir in der finalen Version (und trotz ca. zwanzig bis dreißig vorangegangenen “takes”) dann doch noch untergekommen. Aber solange ich noch nicht auf der BR-Gehaltsliste stehe, halte ich das für dem Blogleser einigermaßen zumutbar. :-)
    Gruß Christian

  3. Reinhold sagt:

    Hackfrüchte sind auf den bayerischen Äckern in den letzten Jahren ziemlich rar geworden. Z.B. 1950 wurden in Bayern 300.000 ha Kartoffeln und 150.000 ha Runkelrüben angebaut. Im Jahre 2000 waren es nur noch 50.000 ha Kartoffeln und Runkelrüben sind fast verschwunden. Die Hackfrüchte sind als Äsung für das Wild enorm wichtig, du hast mir erzählt, dass viele der Rüben, die du gesehen hast von den Rehen angefressen waren.
    In dem gleichen Zeitraum ist der Maisanbau in Bayern von 20.000 ha auf 350.000 ha, und der Raps von 20.000 ha auf 100.000 ha gestiegen.
    In Hackfruchtanbauflächen gibt es viel mehr Wildkräuter und bodenlebende Insekten, das war hervorragend für die Artenvielfalt.
    So schnell ändert sich die Kulturlandschaft.

  4. Christian sagt:

    @ Reinhold:

    Es gibt aber eine Hoffnung für die Zuckerrübe: Wie auch der Raps und der Mais dient sie nämlich dem netten Bauern zufolge mittlerweile auch als Rohstoff für Bio-Treibstoffe: Während Raps zu Biodiesel und Mais zu Biogas weiterverarbeitet werden, kann man aus der Zuckerrübe Bio-Ethanol herstellen. Das dürfte der Zuckerrübe einen noch größeren (und womöglich sinnvolleren) Erfolg bescheren als der fortgesetzte und teils als mafiös zu bezeichnende Feldzug der Zucker-Lobby, in so viele Lebensmittel wie möglich so viel Zucker reinzupressen als nur irgend geht: “Nimm zwei”, mit VITAMINEN und so – ist gesund (bis darauf, daß es Karies, Fettleibigkeit und Diabetes verursacht ;-) ) Bloß, wie gesagt: Es gibt wohl Böden, die sich für Zuckerrüben besser eignen als die um München. Es geht wohl, aber in Richtung Main gibt es wohl Böden, die sich dafür noch besser eignen.

    Gruß Christian

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