Von 130 PS auf 2 PS
// Dezember 26th, 2010 // Allgemein
Ich glaube, ich habe eine Marktlücke entdeckt: Ein Transportunternehmen, das sich nur auf Feiertage spezialisiert: Seit Weihnachten bin ich nur noch ausgebucht, teilweise doppelt und dreifach, sodaß ich einige Transfers abgebe. Gestern ging es nach Obertauern. Ein guter Auftrag, sicherlich, aber auch hart: Erstmal haben die russischen Kunden am Münchner Flughafen schonmal fast 4 Stunden Verspätung, da wegen angeblich “fehlendem Treibstoff” (!) deren Maschine nicht rechtzeitig losfliegen konnte (die Ausreden der Airlines werden auch immer dümmer). Dann waren alle total ausgehungert, als sie endlich ankamen. Also erstmal zum Zentralbereich, Essen fassen.
Die Fahrt nach Österreich gestaltet sich als Belastungsprobe: Auf den Autobahnen wegen kräftigem Schneefall teils keine Spuren mehr erkennbar, und vor der österreichischen Grenze zuckeln wir im Konvoi fast 30 Kilometer hinter einem Parallel-Duo von extrabreiten Schneeräumfahrzeugen hinterher, die zwar auf einen Schlag sämtliche Spuren beräumen können, dabei aber lediglich auf eine Höchstgeschwindigkeit von 40 km/h kommen – Überholen unmöglich.
Die letzten Kilometer dann in Obertauern sind die absolute Härte: Eine eiskalter Wind pfeift, wegen neuen Straßennamen ist die Pension fast unauffindbar, und den steilen Hang nehme ich erst mit Zurücksetzen, viel Anlauf und wohldosiertem Gasfuß. Sogar die ortsansässigen Taxler warnen vor den steilen und mittlerweile sehr glatten Stichwegen zu den höhergelegenen Hotels hinauf. Gott sei Dank brauche ich nicht die Schneeketten. Die anzulegen ist nämlich echt nervig. Auf dem Rückweg packe ich mich auf einen Rastplatz, aktiviere die Luftstandheizung und mache zwei Stunden Schlaf-Pause. So bin ich statt wie gedacht um 21:00 Uhr erst am Folgetag um 04:00 bei mir zu Haus.
Zwei Stunden später klingelt schon wieder der Wecker, und es geht nach Neuschwanstein. Wieder delikate Straßenverhältnisse, die nach den hunderten von weißen Kilometern aber nun schon fast Routine sind. Komisch – ich bin garnicht müde. Liegt es am autogenen Training vor dem Einschlafen, oder schlicht am Red Bull? Regelrecht munter begleite ich dann doch noch meine Gäste rauf auf´s Schloß. Wegen der Eisglätte verkehrt der Bus offenbar nicht mehr – wir nehmen also die ohnehin schönere Pferdekutsche. Unser Kutscher ist ständig damit beschäftigt, seine Rösser “im Zaum zu halten”, denn die Pferdchen die die Kutsche vor uns ziehen sind offenbar eher von der gemütlichen Sorte.
Oben dampfen die wie ich erfahre “Kaltblutpferde” am ganzen Körper von der Anstrengung – eine deutschsprachige Mitfahrerin ereifert sich über die “Sklavenhaltung der Tiere”. Inkonsequent, dann die Kutsche zu nehmen. Ungefähr drei oder vier Mal machen die Tiere übrigens den Anstieg hintereinander mit, dann werden sie der Schonung halber ausgetauscht, und können sich im Stall erholen. Im Sommer, wenn es heiß ist steige ich manchmal aus der Kutsche aus und laufe lieber daneben her. Mir tun einfach die dann schnaufenden Tiere zu leid. Heute verzichte ich darauf, denn wenn der Kutscher schon seine Mühe hat, seine Pferde einzubremsen kann es wohl so schlimm nicht sein.




Eigentlich ist es beim Pferdetaxler wie beim normalen: Wenn die PS “springen” wollen, dann laß sie springen! Der Kutscher kennt die Pferde und den Weg.
@ Bernd:
Obwohl das bei den MEISTEN so sein wird, kann man das leider nicht verallgemeinern. Mir sind alleine in diesem Winter schon ein paar Berufskraftfahrer aufgefallen, die ihr Fahrzeug nicht hinreichend im Griff hatten. Bei Taxifahrern kann das alleine deshalb nicht verwundern, da hierfür in Deutschland weder in der Ausbildung noch für die Prüfung AUCH NUR EINE PRAKTISCHE STUNDE vorgesehen ist – mir vollkommen unverständlich! Was Pferdekutscher anbelangt, hat ein unrühmlicher Vertreter dieser Zunft in Rothenburg vor wenigen Jahren sein aus Erschöpfung zusammengebrochenes Pferd vor den schockierten Passanten zu Tode geprügelt und -getreten, was neben ähnlichen Vorfällen dazu führte, daß der Kutschenbetrieb in Rothenburg schließlich komplett verboten wurde. Man darf bei der Bewertung der Leistung von “Profis” also auch weiterhin auf seinen gesunden Menschenverstand zurückgreifen. Übrigens konnte der Kutscher in meinem Fall seine Pferdchen nicht “springen” lassen, da die Kutschen auf Neuschwanstein im Konvoi fahren, die Kutsche vor uns “lahm” war und wir sonst einen “Auffahrunfall” produziert hätten!