BMW, um 600 vor Christus

// September 13th, 2011 // Allgemein

BMW

Ein Transfer mit Donaureisenden führte mich einmal wieder in die Dreiflüssestadt Passau. Autobahnfahrten in diesen Teil Bayerns sind immer wieder sehr entspannt, denn auf der A92 ist meist so wenig los, daß man sich um Jahrzehnte zurückversetzt fühlt – in eine Zeit also, wo dem Automobilisten noch die Autobahn gehörte, und nicht umgekehrt. Auf dem Rückweg sah ich eines jener braunen Schilder am Straßenrand, die auf kulturelle oder sonstige Sehenswürdigkeiten hinzuweisen pflegen. “Vorgeschichtsmuseum Landau an der Isar” stand dort. “Au fein”, dachte ich, “da werde ich mein fälliges Mittagessen mit etwas Fortbildung verknüpfen – vielleicht ist dieses Museum etwas, das ich zukünftig Gästen auf meinen Touren anbieten kann.”

Indes erwies sich die Fahrt durch Landau als eine der deprimierendsten Erfahrungen, die ich in meinem Leben je gemacht habe. Einst war Landau ganz augenscheinlich eine mächtige und blühende Stadt gewesen. Bräsig auf einem hoch aus der Landschaft ragenden Hügel gelegen, konnte man dereinst wohl vom Marktplatz aus dutzende von Kilometern weit in´s Umland schauen. Heute ist alles recht verbaut, und nur an Straßenkreuzungen bietet sich noch der einst sicher sehr schöne Ausblick. Der Wikipedia-Eintrag zu Landau an der Isar liest sich allerdings mehr oder minder als eine einzige Aneinanderreihung von Gemetzeln, Vernichtungen durch Krieg, Pest bis hin zu Brückensprengungen durch die Nazis und Artilleriebeschuss durch die Alliierten.

Ich fuhr den Berg hinauf in Richtung des Museums, das ich schnell im Menü meines Navigationssystems fand. Zahlreiche kleine Häuschen boten im Grunde genommen die Ausgangslage für eine muntere und abwechslungsreiche Altstadtkultur, doch hier stimmt, wie man schnell realisiert Einiges nicht: Sehr viele Häuser leer, zahlreiche Läden und ehemalig stolze Gasthöfe in unmittelbarer Zentrumslage geschlossen oder zweckentfremdet, einige Häuser in absolut hässlichen, der Würde ihres Alters unangemessenen, schrillen Chemiefarben gestrichen. 50er-Jahre Werbungen, die immer noch Kunden in die traurigen Überbleibsel einer Einkaufsstraße locken sollen.

Landau

 

Alte Leute in den Cafés oder auf Fensterbänken starren einem etwas zu lange hinterher. “Was willst DU hier, Fremder”, scheinen sie irritiert zu fragen. Die üblichen PS-Schleudern dröhnen auf ihrer ewigen Suche nach Respekt vereinzelt durch die Geisterstadt. Immerhin gibt es hier keinen Mangel an Parkplätzen. Neben meinem Auto lungert gelangweilt ein Grüppchen Jugendliche herum, und blödelt aufgekratzt vor sich her. Ich mache mir schon Sorgen, daß sie während ich im Museum bin mein Auto aufbrechen. Im Museum ist außer einer dicken Frau kein einziger Besucher. Stille umfängt einen. Gut, es gibt ein Café dort! Ich frage die Kassenfrau: “Kann ich hier einen Kuchen bekommen?”

Sie: “Keine Ahnung. Vielleicht, wenn der Wirt da ist. Sonst ham´s Pech g´habt.” (sic) Der Wirt war da. Und ich hatte TROTZDEM Pech g´habt. Er wollte mir ÜBERHAUPT NICHTS geben. Vielleicht hatten ihn die alten Leute entlang des Weges vorgewarnt. “Fremde bekommen hier nichts”. Das Museum war dann doch relativ interessant, und zumindest vom Konzept her einmal professionell angelegt worden. Es ist eine Zweigstelle der Archäologischen Staatssammlung München, wie eine Plakette verrät. Man sieht, daß hier Geld investiert wurde. Und das kann im Fall von Landau wohl nur von Außen kommen. Wahrscheinlich ein “Leuchtturmprojekt” des Freistaates, für diesen Ort der Tristesse.

So ziemlich fast alle Technik im Museum war irgendwie defekt. Projektoren, für die Hinweisschilder dastehen, die aber selbst mittlerweile unauffindbar sind. Monitore, die keinen Mucks mehr von sich geben. Und ein Halogenstrahler an der Decke, der einen Kurzschluss hat, und stakkatoartig ein knisterndes Fauchen und Rauschen in die Stille des Museumsraumes sendet. Eine Sache aber ließ mich schmunzeln: So befanden sich in einer Vitrine, ironischer Weise direkt neben einem rekonstruierten prähistorischen Wagenrad, diverse Grabbeigaben aus der Hallstattzeit, die in Bayern gefunden wurden, und von denen eine ganz eindeutig von einem “BMW”-Logo geziert wird!

BMWII

 

Wenn das mal keine Überraschung ist! Sogar den Ring rund um den BMW-”Propeller” hatte der seiner Zeit weit vorausschauende Künstler vor zweitausendsechshundert Jahren nicht ausgelassen! Da hat sich dann doch die Sache mit dem Museum irgendwie gelohnt. Mein Auto war dann auch nicht aufgebrochen. Nach einem kurzen Abstecher in die Kirche (die Orgel wird dort gerade renoviert), trat ich wieder den Nachhauseweg an. PEINLICHST darauf achtend, nicht noch an irgendeiner Gassenkreuzung in einen Unfall verwickelt zu werden. Ich wollte hier nicht unbedingt mehr Zeit verbringen als irgend nötig. “Shipwrecked in Landau an der Isar” – ein Arbeitstitel für einen Horrorfilm.

Sorry, Landau, aber DIESEN Ort werde ich meinen Gästen leider NICHT anempfehlen können. Es sei denn, irgend jemand interessiert sich für die vorgeschichtlichen Ursprünge eines berühmten bayerischen Motorenbauers. Dann komme ich wieder. Und bringe Essen und Trinken selber mit – mein nächster Wagen hat eh ´nen Kühlschrank.

2 Responses to “BMW, um 600 vor Christus”

  1. tom sagt:

    Schöner Beitrag! Deswegen komme ich immer wieder gerne hierher.

  2. Christian sagt:

    Danke für das Lob! ^^

    Gruß, Christian

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